Das NELGE

Leipzig beheimatet über das gesamte Stadtgebiet verteilt, aktuell mehr als 20 Gemeinschaftsgartenprojekte, die eine wichtige Säule der Grünen Infrastruktur darstellen. Stetig kommen neue Initiativen hinzu. Um die Position, Bedeutung und Vernetzung der urbanen Gemeinschaftsgärten zu stärken, Ressourcen zu teilen und Synergien zu nutzen, gründete sich 2019 das Netzwerk Leipziger Gemeinschaftsgärten – kurz NELGE.

Das Kleingartenwesen hat in Leipzig eine lange Geschichte und ist seit mehr als 100 Jahren fest etabliert. Dem gegenüber sind urbane Gemeinschaftsgärten in unserer Stadt eine vergleichsweise junge Form des urbanen Gärtnerns, die sich in ihrer inhaltlichen und praktischen Ausgestaltung zum Teil stark von den traditionellen Kleingärten unterscheidet. 

Dass die Leipziger Gemeinschaftsgärten kein kurzlebiger oder elitärer Hype sind, sondern das Wirkspektrum konventioneller Freiraumnutzung sinnvoll ergänzen und einen signifikanten Mehrwert für die Stadtgesellschaft darstellen, hat der Leipziger Stadtrat mit dem Beschluss der Fachförderrichtlinie Garten- und Kleingartenwesen im Jahr 2019 anerkannt und eine finanzielle Förderung urbaner Gartengemeinschaften in Leipzig ermöglicht.

Leipzig ist unser Garten - Manifest und Forderungen des Netzwerks Leipziger Gemeinschaftsgärten (12.06.2020)

Leipzig wächst weiter und hat sich einen Ruf erarbeitet als kreative, bunte und lebenswerte Stadt. Die Gründe für diesen positiven Imagewandel sind vielfältig. Die Bedeutung von Zivilgesellschaft, Raumpionier:innen, Kunst- und Kulturschaffenden lässt sich dabei nicht von der Hand weisen. Sie sind Teil dessen, was Leipzig ausmacht. Auch urbane Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgärten, internationale Gärten und andere Initiativen der urbanen Garten- und Agrikultur engagieren sich seit vielen Jahren für ein lebenswertes Leipzig und leisten einen substanziellen Beitrag zur nachhaltigen Stadt.

Urbane Gärten sind in den vergangenen Jahren oft dort entstanden, wo der Schuh drückt: Gebäudelücken, Brachen und andere Flächen, auf denen mit klassischen Instrumenten der Stadtplanung keine Entwicklung möglich gewesen wäre. Urbane Gärtner:innen übernehmen Verantwortung für diese Flächen, beseitigen Müll und legen Beete an. Sie pflanzen, säen, pflegen und schaffen naturnahe Lern- und Erholungsorte mitten im Stadtgebiet. So sind grüne Freiräume entstanden, die offen sind für alle. 

Die Gärten sind wichtige Bestandteile lebendiger Quartiere, soziokulturelle Orte der Vielfalt, der Teilhabe, des nachbarschaftlichen Miteinanders, des Lernens und der Naturerfahrung. Außerdem fördern sie die Biodiversität, verbessern das Stadtklima und schaffen und erhalten ökologische Nischen. Urbane Gärten sind Rückzugsräume für Mensch und Natur. Sie sind grüne Orte gelebter Demokratie und thematisieren globale Herausforderungen auf Nachbarschaftsebene. Aber sie sind zunehmend bedroht. Gerade bei Zwischennutzungen ist ihr Fortbestand selten langfristig gesichert. Denn in der wachsenden Stadt bestehen vielfältige Interessen an der begrenzten Zahl an Grundstücken.

Welchen Wert wollen wir urbanen Gärten und anderen grünen Freiräumen in einer wachsenden Stadt zukünftig beimessen und wie können wir sie langfristig sichern und Kräfte bündeln? Mit dieser Frage vor Augen gründete sich Anfang 2019 das Netzwerk Leipziger Gemeinschaftsgärten (NELGE). Hier engagieren sich Vertreter:innen von Leipziger Gemeinschaftsgärten und verwandten Initiativen für eine grüne, soziale, gemeinschaftliche Stadt. 

Das Netzwerk ist als ein offener Verbund angelegt und setzt sich Ziele in diesen drei Bereichen:

1. Austausch und Vernetzung
Eine grundlegende Idee des Netzwerks ist, eine Plattform aufzubauen, die den Austausch zwischen den Mitgliedern der Gärten sichert. Neben dem Austausch aktueller Informationen ermöglicht das Netzwerk allen Mitgliedern den Zugriff auf den gemeinsamen Wissensschatz. Zum einen gibt es praktische gegenseitige Unterstützung, wie z. B. die Werkzeugbörse. Zum anderen werden im Netzwerk Herausforderungen der urbanen Gärten thematisiert und gemeinsame politische Forderungen erarbeitet. Es finden in regelmäßigen Abständen in den verschiedenen Gärten Treffen des Netzwerks statt, mit dem Ziel, Menschen im Garten zusammenzubringen. Das Netzwerk arbeitet nach innen und außen transparent und basisdemokratisch.

2. Öffentlichkeits- und Aktivierungsarbeit
Mit seiner Arbeit will das Netzwerk innerhalb der Leipziger Stadtgesellschaft ein Bewusstsein für die Bedeutung von urbanen Gemeinschaftsgärten schaffen und die vielfältigen Funktionen einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen. In den Projekten geht es nicht nur um den ökologischen Anbau von Lebensmitteln, sondern auch um soziokulturelle und interkulturelle Arbeit, individuelle Sinnstiftung, praktizierte Selbstorganisation und eine nachhaltige Stadtentwicklung. Ein wichtiges Ziel ist dabei auch, weitere Menschen für das Gärtnern in der Stadt zu begeistern, zivilgesellschaftliche Potenziale zu aktivieren und die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen zu fördern.

3. Schnittstelle zu Politik und Stadtverwaltung
Im Netzwerk organisieren sich Leipziger Garten- und Nachhaltigkeitsinitiativen. Der Verbund versteht sich als zivilgesellschaftliche Schnittstelle zu Politik und Stadtverwaltung und Vermittlerin relevanter Themen zu den
Entscheidungsträger:innen. Es geht darum mit gemeinsamer Stimme zu sprechen und den Ideen Gehör zu verschaffen, um urbane Gemeinschaftsgärten und Freiräume zu erhalten, zu pflegen und für die bürgerschaftliche Aneignung zu kultivieren.

Forderungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung

In verschiedenen Stadtentwicklungskonzepten der Stadt Leipzig wird die Bedeutung von urbanen Gärten inzwischen anerkannt. Dennoch sind derzeit mit viel Energie und Engagement aufgebaute Initiativen in ihrem Fortbestand bedroht oder haben bereits das Aus erlebt. Wir wollen den Worten Taten folgen lassen und die Position von urbanen Gärten stärken. Wir suchen als Netzwerk die Zusammenarbeit mit Politik und Stadtplanung und wollen an einer nachhaltigen und lebenswerten Stadtentwicklung aktiv mitwirken. Dafür bringen wir diese Forderungen und Ideen ein:

Urbane Gärten planerisch verankern
Stadtbewohner:innen können einen aktiven Anteil an der Gestaltung von Freiräumen haben, der weit über die Beteiligung an Planungsprozessen hinausgeht. Urbane Gemeinschaftsgärten zeigen, dass es möglich ist, wertvolle grüne Freiräume zu schaffen, die Bürger:innen aktiv bewirtschaften, verwalten und pflegen. Für solche zivilgesellschaftlichen Initiativen sollen nachhaltig Gestaltungsfreiräume im öffentlichen Raum bereitgestellt werden. Dafür ist es notwendig, urbane Gärten im Bau- und Planungsrecht zu verankern und bei der Bebauungsplanung zu berücksichtigen. Die Schaffung einer entsprechenden Flächenkategorie im Flächennutzungsplan (analog zu Kleingärten) wäre hier ein wichtiger Schritt und hätte bundesweit Vorbildfunktion.

Urbane Gärten bei der Stadtplanung mitdenken
Urbane Gärten verbinden unterschiedliche Funktionen auf kleinem Raum. So wie allen Stadtbewohner:innen ein Anrecht auf gut erreichbare Erholungs- und Spielflächen zustehen sollen, sollen auch Entfaltungsräume für selbstverwaltete zivilgesellschaftliche Freiflächen in jedem Stadtteil dauerhaft bereitgehalten werden. Eine Integration solcher Räume in bestehende Parkanlagen ist grundsätzlich möglich. Bei aktuellen Stadtentwicklungsprojekten (z. B. Parkbogen Ost) sollen solche Flächen grundsätzlich vorgesehen und mit der nötigen Infrastruktur ausgestattet werden.

Urbane Gärten versus Flächenspekulation
Um qualitätsvolle Grünflächen umzusetzen und dabei die Belange von Mensch und Stadtnatur zu berücksichtigen, muss eine zeitgemäße Stadtentwicklung der Flächenspekulation entgegenwirken. Bestehende urbane Gärten sind Teil der grünen Infrastruktur und müssen als solche geschützt und erhalten werden. Da diese oft als Zwischennutzungen auf privaten Flächen stattfinden, werden sie in der wachsenden Stadt zunehmend bedroht. Eine Aufgabe der städtischen Grünplanung muss es sein, geeignete Flächenreserven für urbane Gärten und andere bürgerschaftliche Nutzungen vorzubehalten. Deshalb ist eine entsprechende aktive Liegenschaftspolitik seitens der betreffenden Ämter anzustreben.

Urbane Gärten als soziokulturelle Akteure schützen
Urbane Gärten sind zu wichtigen Orten der Bildung für nachhaltige Entwicklung geworden, insbesondere, da es in Schulen und Kitas kaum noch Schulgärten gibt. Die Förderung der Zusammenarbeit von urbanen Garteninitiativen mit Schulen und Kitas bietet hier Vorteile für beide Seiten. Unterricht kann so praktischer werden und aus dem Klassenzimmer in den Garten gehen. Die urbanen Gärten können über die Eltern der Kinder eine breitere Öffentlichkeit erreichen. Zudem können hier sehr unterschiedliche Themenfelder angesprochen werden: gesunde Ernährung, ökologischer Anbau von Lebensmitteln, Klimawandel – im Garten lassen sich nahezualle Teilaspekte der Nachhaltigkeit von global bis lokal konkret machen.

Urbane Gärten als Querschnittsaufgabe verstehen
Aufgrund ihrer vielfältigen Ausrichtung haben urbane Gärten Berührungspunkte mit unterschiedlichen Ämtern der Stadtverwaltung. Dadurch entstehen zum Teil sehr lange Kommunikationsprozesse, die manchmal zu
Missverständnissen und Konflikten führen. Ein erster Schritt, dem entgegen zu wirken, ist die Schaffung einer Ansprechstelle für urbane Gärten und Grüninitiativen innerhalb eines Fachamtes der Stadtverwaltung. 

Aufgabe dieser Stelle sollte es sein, die Initiativen zu fördern, bei der Flächensuche zu unterstützen, bei rechtlichen Belangen zu beraten und die Kommunikation mit den verschiedenen Ämtern zu erleichtern. Weiterhin soll diese Stelle über ein festes Budget verfügen, das nicht mit jedem Haushalt neu verhandelt werden muss. Bei der bereits bestehenden Fach-Förderrichtlinie Kleingärten und Gärten sind die unterschiedlichen Rechtsformen der urbanen Gärten zu berücksichtigen.

Urbane Gärten politisch teilhaben lassen
Urbane Gärten sind kein neues Phänomen. Sie haben sich mittlerweile in der Stadt etabliert. Als Zeichen der Anerkennung wünschen wir uns daher einen Sitz im Kleingartenbeirat, der durch ein:e vom Netzwerk Leipziger
Gemeinschaftsgärten gewählte Vertreter:in besetzt wird. Das würde den Weg zu mehr politischer Teilhabe eröffnen und eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Kleingartenvereinen möglich machen.

Gemeinschafts- und Nachbarschaftsgärten, internationale Gärten und andere Initiativen engagieren sich seit vielen Jahren für ein lebenswertes Leipzig. Wir möchten, dass diese urbanen Gärten dauerhaft Wurzeln schlagen und fordern eine sozial und ökologisch gerechte Stadt mit langfristig gesicherten wohnungsnahen, öffentlichen, nicht-kommerziellen Räumen für alle Stadbewohner:innen.

Netzwerk Urbane Gemeinschaftsgärten

Die NELGE-Gärten sind Teil des bundesweiten Gemeinschaftsgarten-Netzwerks. Hier lernst Du hunderte andere urbane Gartenprojekte aus ganz Deutschland kennen und kannst Dich mit anderen Akteuren austauschen. 

Du findest einen Riesenpool an Wissen rund ums gemeinschaftliche Gärtnern und jede Menge Inspiration und Support für Dein Gemeinschaftsgarten-Projekt. Vorbeischauen lohnt sich unbedingt!